Hör auf zu strafen – fang an zu korrigieren
- Isabella Weniger
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Am Wochenende durfte ich zahlreiche wunderbare Mensch-Hundeteams in der Praxis begleiten. Ein großes Thema war hier die Leinenführigkeit.
Ich möchte nun, dass du dir kurz eine Situation vorstellst: Du gehst mit deinem Hund spazieren, aber kaum ist die Leine dran, zieht er los, ganz so als gäbe es kein Morgen. Deine Schulter spannt sich an, dein Arm wird länger, und die Spaziergänge fühlen sich mehr nach Krafttraining als nach Entspannung an. Vielleicht kommt dir dieses Szenario sogar bekannt vor?Leinenführigkeit ist eines der häufigsten Themen im Hundetraining: Es ist kein einzelnes Training, sondern ein Prozess der begleitet gehört. Irgendwann kommen die Hundehalter an jenem Punkt, an dem sie beginnen, über „Korrektur“ nachzudenken.
Doch was heißt das eigentlich aus Sicht einer tierschutzqualifizierten Hundetrainerin?
Was bedeutet nun „Korrektur“ überhaupt?
Im modernen, tierschutzkonformen Training bedeutet Korrektur auf keinen Fall Strafe, Einschüchterung oder sogar Schmerz.
Es geht vielmehr um:
klare Kommunikation
Orientierung geben
unerwünschtes Verhalten unterbrechen
gewünschtes Verhalten gezielt fördern
Eine gute Korrektur ist also keine Machtdemonstration gegenüber den Hunden– sondern ein verständlicher Hinweis für den Hund, dass er sich gerade auf dem falschen Weg befindet.
Warum zieht mein Hund überhaupt?
Bevor wir korrigieren, müssen wir verstehen.
Hunde ziehen nicht, um uns zu ärgern. Häufige Gründe sind:
Zu hohe Erregung (Aufregung, Stress, Vorfreude)
Lernverhalten („Ziehen bringt mich schneller ans Ziel“)
Fehlende Orientierung am Menschen
Unklare oder inkonsequente Signale
Zu wenig Bedürfnisbefriedigung (z. B. Bewegung, Schnüffeln)
Was sind nun tierschutzgerechte Möglichkeiten der Korrektur?
1. Management statt Eskalation!!!!
Bevor du korrigierst, gestalte die Situation so, dass dein Hund erfolgreich sein kann:
passende Umgebung wählen (ruhig statt reizüberflutet) – ablenkungsarmer Spazierweg
Distanz zu Auslösern erhöhen
Trainingsniveau anpassen – lieber kürzere Spaziergänge als zu lange wählen
2. Körpersprache bewusst einsetzen
Hunde lesen uns besser als wir denken.
stehen bleiben, wenn die Leine sich spannt
Richtungswechsel einbauen
Langsames Retourgehen und den Hund einladend mitnehmen
3. Marker und Timing
Ein klares Abbruchsignal kann sinnvoll sein – wenn es fair aufgebaut wurde.
Wichtig dabei:
neutraler Ton (kein Anschreien)
exakt im richtigen Moment (gute Beobachtung erforderlich)
direkt danach eine Alternative anbieten (Target/Touch)
Beispiel:Hund zieht → „Schade“ → stehen bleiben → Blickkontakt oder Handtarget→ Belohnung
4. Belohnung statt Fokus auf Fehler
Viele unterschätzen die Operante Konditionierung: Das Verhalten, das sich lohnt, wird häufiger gezeigt.
Statt nur zu korrigieren könnte ich auch:
jeden lockeren Schritt belohnen: ein nettes, ehrliches Lobwort
Orientierung am Menschen verstärken: Fokusspiele zu Hause
ruhiges Verhalten hervorheben
Was KEINE tierschutzgerechte Korrektur ist
Leinenrucke: positive Strafe – birgt negative Reizverknüpfungen
Würgehalsbänder oder Stachelhalsbänder – der Besitz, Erwerb und Anwendung in Österreich verboten
Anschreien oder Einschüchtern
körperliche Strafen
Diese Methoden können:
Vertrauen zerstören – keine sichere Bindung
Stress erhöhen
Das Verhalten oft nur unterdrücken, aber bestimmt nicht lösen
Der wichtigste Punkt: Beziehung vor Korrektur
Ein Hund, der sich an seinem Menschen orientiert, braucht weniger Korrektur.
Frage dich also:
Bin ich für meinen Hund relevant?
Lohnt es sich für ihn, bei mir zu bleiben?
Habe ich ihm klar gezeigt, was ich möchte?
Gehe ich immer aufmerksam mit ihm/ihr Spazieren – oder bin ich immer abgelenkt?
Gute Leinenführigkeit entsteht nicht durch Kontrolle – sondern stets durch Kooperation.
Mein persönliches Fazit
Leinenführigkeit ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann auf seiner Liste abhakt. Viel mehr ist es ein dynamischer Lernprozess, der sich über die Zeit entwickelt. Jeder Spaziergang ist dabei eine neue Trainingschance, in der dein Hund Erfahrungen sammelt, Verhalten festigt oder auch wieder hinterfragt.
Aus Sicht einer tierschutzqualifizierten Hundetrainerin bedeutet das: Nicht die perfekte Korrektur steht im Mittelpunkt, sondern Verständnis, Klarheit und Fairness. Ein Hund, der zieht, braucht keine Strafe – er braucht Orientierung, gezieltes und faires Training und einen Menschen, der ihm konsequent zeigt, welches Verhalten sich lohnt.



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