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Warum gutes Hundetraining weit über "funktionieren" hinausgeht

Es gibt für mich Fortbildungen, die inspirieren – und dann gibt es jene, die den eigenen Blick auf Hunde noch einmal so richtig nachhaltig verändern. Genau so ging es mir vor einigen Tagen bei einer wunderbaren Fortbildung der Grinsehunde mit Sue und Margot https://www.grinsehunde.com. Seit vielen Jahren beschäftigen sie sich intensiv mit Tierschutzhunden, Lernen und Verhalten und verbinden wissenschaftliche Erkenntnisse mit enorm viel Praxiserfahrung und Empathie. Ihr Vortrag war nicht nur fachlich fundiert, sondern auch unglaublich fesselnd und extrem bereichernd.


Ein Thema, welches mich besonders bewegt hat, waren die 5 Domänen des Wohlbefindens nach Mellor. Dieses Modell zeigt eindrucksvoll, dass Tierwohl weit mehr bedeutet als die Abwesenheit von Leid. Es lädt uns dazu ein, den Hund als fühlendes Individuum wahrzunehmen und sein gesamtes emotionales und körperliches Wohlbefinden in den Mittelpunkt zu stellen.


Was sind die 5 Domänen?

Das Modell wurde von dem neuseeländischen Wissenschaftler David Mellor entwickelt und dient dazu, das Wohlbefinden von Tieren ganzheitlich zu beurteilen. Die ersten vier Domänen beschreiben Bereiche, die das Erleben eines Tieres beeinflussen. Aus ihnen entsteht die fünfte Domäne – der mentale Zustand.

1. Ernährung

Eine ausgewogene Ernährung bedeutet weit mehr als ein gefüllter Napf. Der Hund sollte Zugang zu frischem Wasser haben, bedarfsgerecht gefüttert werden und die Möglichkeit haben, Nahrung auch auf natürliche Weise zu erleben – beispielsweise durch Schnüffeln, Suchen oder Kauen. Futter kann nicht nur den Körper versorgen, sondern auch zur geistigen Auslastung und zum Wohlbefinden beitragen.

2. Physische Umgebung

Wie lebt der Hund? Hat er einen sicheren Rückzugsort? Ist seine Umgebung angenehm temperiert und frei von unnötigem Stress? Gerade Tierschutzhunde benötigen häufig Zeit, um sich an eine neue Umgebung anzupassen. Eine sichere und vorhersehbare Umwelt schafft Vertrauen und bildet die Grundlage für erfolgreiches Lernen.

3. Gesundheit

Neben der offensichtlichen körperlichen Gesundheit gehören auch Schmerzen, chronische Erkrankungen oder Einschränkungen in diese Domäne. Verhalten ist oft eng mit Gesundheit verknüpft. Ein Hund, der Schmerzen hat, kann gereizter reagieren, sich zurückziehen oder Schwierigkeiten beim Lernen haben. Deshalb sollte medizinischen Ursachen bei Verhaltensauffälligkeiten immer Beachtung geschenkt werden.

4. Verhalten

Hunde möchten Hund sein dürfen. Sie haben artspezifische Bedürfnisse wie Schnüffeln, Erkunden, soziale Interaktionen, Bewegung, Spiel und Ruhe. Ebenso wichtig ist die Möglichkeit, selbst Entscheidungen treffen zu dürfen. Training sollte daher nicht nur Verhalten formen, sondern dem Hund auch Mitbestimmung ermöglichen und Erfolgserlebnisse schaffen.

5. Mentales Wohlbefinden

Die ersten vier Domänen wirken direkt auf die fünfte: den emotionalen Zustand des Hundes. Fühlt sich ein Hund sicher? Erlebt er Freude, Neugier und Entspannung? Oder überwiegen Angst, Frustration oder Unsicherheit?

Diese Domäne erinnert uns daran, dass Verhalten immer Ausdruck eines inneren Erlebens ist. Ein Hund, der zuverlässig Signale ausführt, muss sich deshalb noch lange nicht wohlfühlen. Echtes Tierwohl bedeutet, positive Emotionen aktiv zu fördern und negative Erlebnisse so weit wie möglich zu reduzieren.


Warum dieses Modell für das Hundetraining so wertvoll ist

Gerade im Alltag mit Tierschutzhunden begegnen uns oft Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick schwierig erscheinen. Das Modell der 5 Domänen hilft dabei, nicht vorschnell das Verhalten "reparieren" zu wollen, sondern zunächst die Ursachen zu betrachten.

Statt zu fragen:"Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?"

dürfen wir häufiger fragen:"Was braucht dieser Hund, damit es ihm besser geht?"

Diese veränderte Perspektive schafft Verständnis, stärkt die Mensch-Hund-Beziehung und führt langfristig oft zu nachhaltigeren Trainingserfolgen.


Mein persönliches Fazit

Als tierschutzqualifizierte Hundetrainerin ist es mir ein großes Anliegen, Hunde nicht nur nach ihrem Verhalten zu beurteilen, sondern ihren gesamten Lebenskontext zu betrachten. Die 5 Domänen nach Mellor erinnern uns daran, dass erfolgreiches Training niemals losgelöst vom Wohlbefinden stattfinden kann.

Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte, seine Erfahrungen und seine Bedürfnisse mit. Besonders Hunde aus dem Tierschutz zeigen uns immer wieder, wie wichtig Sicherheit, Vertrauen und positive Emotionen für ihre Entwicklung sind. Verhalten ist Kommunikation – und hinter jedem Verhalten steckt ein Individuum mit Gefühlen.


Ab dem Zeitpunkt, wo wir in die aversive Trainingsmethode gehen verlassen wir ganz automatisch die Struktur der Bedürfnispyramide nach Pavlov und arbeiten somit auch nicht mehr am Auslöser des Verhaltens! KEIN Lebewesen hat das Bedürfnis nach STRAFE!! Der Zweck eines Verhaltens ist die STILLUNG der BEDÜRFNISSE und unbefriedigte Bedürfnisse sind die Ursache für schwieriges VERHALTEN.


Die 5 Domänen geben uns einen wertvollen Kompass an die Hand. Sie helfen uns, Hunde nicht nur besser zu verstehen, sondern auch verantwortungsvoller zu begleiten. Denn unser Ziel sollte nicht ein Hund sein, der einfach nur funktioniert. Unser Ziel sollte ein Hund sein, der sich sicher fühlt, Vertrauen entwickeln kann und ein möglichst erfülltes Leben führen darf.


Genau dieser ganzheitliche Blick prägt meine Arbeit. Ich möchte Mensch-Hund-Teams dabei unterstützen, Verhalten zu verstehen, Bedürfnisse zu erkennen und gemeinsam einen Weg zu finden, der auf Vertrauen, Fairness und gegenseitigem Verständnis basiert. Denn nachhaltiges Hundetraining beginnt nicht mit der Frage, wie wir Verhalten verändern können – sondern damit, wie wir das Wohlbefinden des Hundes fördern. Genau dafür stehe ich in meinem Training.

 
 
 

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