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Warum wir aufhören sollten, Hunde zu labeln

Letzte Woche habe ich mir einen spannenden Vortrag zum Thema: Tierschutz insbesondere Herdenschutzhunde & deren Mixe im Alltag und Training von Stephanie Kreutz Therapeutische Hundeschule Berlin angehört.


Sie sprach davon, dass wir endlich aufhören sollten verschiedene Herdenschutzhunde und deren Mixe zu labeln. Sie in Schubladen zu stecken, ihnen Vorurteile zuzuschreiben, denn dies beeinflusst nicht nur unseren Umgang mit dieser speziellen Rasse, sondern  auch unsere Wahrnehmung.


Als Mutter mit einer 10-jährigen Tochter mit Trisomie21 durfte ich mich zum Glück in diesem Bereich, dank ihr,  schon sehr weiterentwickeln und versuche immer sehr neutral an Sichtweisen, Dinge, Personen, Tiere… heranzugehen.


Was bedeutet „Labeln“ überhaupt?


„Das ist ein Angsthund.“ Ein Hund, der nicht sofort zu Fremden läuft, wird als unsicher abgestempelt.


„Das ist halt ein Problemhund.“ Ein Hund der knurrt, wird schnell als aggressiv bezeichnet.


Solche Sätze hört man im Alltag mit Hunden ständig. Labels scheinen praktisch zu sein – sie geben uns schnell eine Erklärung für ein Verhalten. Doch genau darin liegt das Problem: Ein Etikett beschreibt selten die ganze Wahrheit. Und oft steht es uns sogar im Weg, wenn wir unseren Hund wirklich verstehen wollen.


Doch Verhalten ist immer situationsabhängig. Ein Hund zeigt nicht einfach „Aggression“ sondern reagiert auf etwas – vielleicht auf Schmerz, Stress oder eine unangenehme Erfahrung.


Ein Label macht aus einem Moment eine scheinbar feste Eigenschaft -und ist oft eng mit Vorurteilen verknüpft.


Warum Labels problematisch sind?


Labels verändern unsere Wahrnehmung. Wenn wir einen Hund einmal als „dominant“ abgespeichert haben, sehen wir plötzlich viele Situationen durch genau diese Brille.


Der Hund geht als erstes durch die Haustür?

„Typisch dominant.“


Der Hund knurrt, wenn man ihm das Spielzeug wegnehmen will?

„Er will die Kontrolle.“


Doch in Wahrheit ist der Hund einfach nur aufgeregt, frustriert oder hat die Dinge noch nicht gelernt und gefestigt.


Labels beeinflussen auch unser Verhalten


Nicht nur unsere Wahrnehmung verändert sich – auch unser Umgang mit dem Hund. Wenn wir glauben, der Hund sei „stur“ oder „dominant“, reagieren wir oft strenger, kontrollierender oder ungeduldiger.

Der Hund spürt diese Stimmung. Druck erzeugt wiederum Stress – und Stress verstärkt viele unerwünschte Verhaltensweisen.

So entsteht ein Teufelskreislauf.


Hunde sind keine Schubladen


Jeder einzelne Hund ist ein Individuum mit Persönlichkeit, Erfahrungen, Emotionen und Bedürfnissen. Verhalten entsteht immer aus einem Zusammenspiel von:

·       Genetik

·       Lernerfahrungen

·       Aktueller Stimmung/Lebensphase

·       Umweltreizen

·       Körperlichen Zustand


Ein Hund ist also nicht „der aggressive Hund.“ Er ist ein Hund, der in bestimmten Situationen aggressives Verhalten zeigt. Dieser kleine sprachliche Unterschied verändert die ganze Perspektive.


Mein persönliches Fazit: Anstatt zu laben, hilft es, genauer hinzuschauen:


·       Was genau macht der Hund?

·       In welcher Situation passiert es?

·       Was könnte der Auslöser sein?

·       Wie fühlt sich der Hund vermutlich in diesem Moment?


Diese Fragen öffnen die Tür zu echtem Verständnis. Als Unterstützung, um eine neutrale Beobachtung zu fördern  - können auch Ethogramme helfen, wo du dir ganz genau ein Verhalten aufschlüsseln kannst.


Stephanie Kreutz sagte, es gibt Herdenschutzhunde, die eng beim Menschen auf der Couch schlafen möchten, es gibt jene, die sogar zu Therapiebegleithunden ausgebildet wurden und es gibt aber auch jene, die ihrer ursprünglichen Aufgabe sehr gerne nachgehen.

Wenn wir aufhören zu labeln, beginnen wir unseren Hund wirklich zu sehen. Nicht als Kategorie – sondern als Lebewesen, das versucht mit seiner Umwelt zurechtzukommen.


Am Ende geht es um Beziehung. Und Beziehungen funktionieren selten gut, wenn einer der beiden ständig in eine Schublade gesteckt wird.

 
 
 

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