Soziales Referenzieren: Dein Hund liest dich – jeden Tag
- Isabella Weniger
- 18. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Ich bin im tiergestützten Setting mit meiner staatlich geprüften Therapiebegleithündin Nala. Jonas Z.(abgeänderter Name), 6 Jahre, Autismus, steht vor einer neuen Aufgabe, die ich für den heutigen Einsatz mitgebracht habe. Der Blick wandert nicht zu mir, nicht zur anderen Therapeutin im Raum – sondern zum Hund.
Nala bleibt ruhig. Ihre Körperhaltung ist entspannt. Der Schwanz bewegt sich locker. Keine Anspannung, keine Unsicherheit.
Das Kind atmet tief aus. Und macht den ersten Schritt.
Konkret am Beispiel Hund: Dein Hund schaut dich an, wenn ein anderer Hund auftaucht. Er sucht deinen Blick, wenn es laut wird. Er beobachtet genau deine Reaktion, bevor er selbst entscheidet.
Diese Beispiele sind kein Zufall. Genau hier beginnt soziales Referenzieren.
Und es ist einer der wichtigsten – aber auch leider gleichzeitig am meisten unterschätzten Lernmechanismen im Zusammenleben mit Hunden.
Was bedeutet nun soziales Referenzieren?
Es beschreibt die Fähigkeit, sich in unsicheren oder neuen Situationen an eine vertraute Gegenüber zu orientieren.
Die zentrale Frage lautet: „Wie bewertest du das in dieser Situation – ist es sicher oder gefährlich?
Hunde sowie Kleinkinder tun das ständig:
Sie lesen ihre Bezugsperson:
· Körpersprache
· Muskelanspannung
· Atmung
· Stimme
· Stimmungsübertragung
· Emotion
Und auf Basis dieser Informationen in einer konkreten Situation treffen sie dann folglich ihre Entscheidungen.
Wusstest du, dass dein Hund nicht nur durch Training lernt – sondern auch sehr viel einfach nur durch dein Tun, Stimmung und deine Körpersprache.
Viele denken beim Thema Lernen sofort an Signale, Leckerlis und die Summe an Wiederholungen.
Doch ein großer Teil des Lernens passiert im Alltag – über Beobachtung.
Ich gebe dir hier ein bildhaftes Beispiel:
Ein fremder Mensch mit Nordic Walking Stöcke kommt auf euch zu. Wenn du dich anspannst, die Leine kürzer nimmst und innerlich „Achtung!“ rufst, wird dein Hund das in dieser Situation wahrnehmen.
Wenn du stattdessen ruhig bleibst, locker weitergehst, tief durchatmest und Sicherheit ausstrahlst, bekommt dein Hund eine ganz andere Information zu dieser konkreten Situation mit.
Nicht die Situation entscheidet – sondern vielmehr deine Reaktion darauf.
Unsicherheit überträgt sich – Sicherheit auch!
Gerade bei ängstlichen oder reaktiven Hunden spielt soziales Referenzieren eine enorme Rolle
Viele Halter arbeiten intensiv an:
· Begegnungstraining
· Impulskontrolle
· Leinenführigkeit
Und übersehen dabei etwas ganz entscheidendes:
DIE EIGENE INNERE HALTUNG.
Hunde sind Meister darin, kleinste Veränderungen wahrzunehmen: an der Mimik, Gestik, Körperspannung. Ein minimaler Anstieg der Muskelspannung kann für einen Hund folglich bedeutet, dass da nun etwas nicht stimmt.
Genauso wie im Gegensatz dazu echte Ruhe, wie ein Anker wirkt.
Wie kannst du nun soziales Referenzieren bewusst in deinen Alltag nutzen?
Statt ständig Verhalten korrigieren zu wollen – kannst du dich fragen:
· Bin ich innerlich ruhig?
· Atme ich flach/schnell oder tief/langsam?
· Wie sind meine Gedanken/wie ist meine Stimmungslage?
· Glaube ich selbst, dass mein Hund das schafft?
Dein Hund orientiert sich an deiner Bewertung der Situation. Du kannst deinem Hund Sicherheit „vorspielen“ – aber langfristig wirkt nur echte innere Klarheit.
Tipps für den Alltag:
· Nimm einmal bewusst wahr, wann dein Hund dich beim Spaziergang anschaut.
· Überprüfe deine eigene Körperspannung bei Begegnungen.
· Bleibe auch während des Spaziergangs einmal stehen atme lange tief ein und vollständig aus und beobachte, was gerade passiert.
· Gehe ruhig und klar spazieren ohne Ablenkungen wie zb.: Handy oder Partner.
Wenn dein Hund gelernt hat: „Mein Mensch bleibt ruhig. Ein Mensch gibt Orientierung. Mein Mensch ist sicher.“ ….dann entsteht Vertrauen.
Mein persönliches Fazit:
Soziales Referenzieren bedeutet, dass dein Hund, genauso wie Kleinkinder, zu dir schaut, um die Welt zu verstehen. Die Frage ist hierbei nicht nur: „Hört mein Hund auf mich?“ sondern die viel mehr: „Was lernt mein Hund von meiner Reaktion?“ Du bist für deinen Hund nicht nur ein Sicherheitsanker – sondern auch ein emotionaler Kompass.
Deine Isabella Weniger



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